Abonnieren Sie unseren Newsletter!

Leipzig 2017 – Stille im Innersten

Der spektakuläre Auftritt des unsichtbaren Dieners: das Leerzeichen als Hauptdarsteller am Stand Ungarn auf der Leipziger Buchmesse 2017.

Artikel Lipcse kurátori

„Wenn Sie am Ende dieses Textes angelangt sind, hatten Sie 483 unsichtbare Helfer. Wir nutzen ihre Hilfe, ohne sie zur Kenntnis zu nehmen, dennoch handelt es sich um eine der entscheidenden Errungenschaften unserer westlichen Zivilisationen. Vor ihrer Einführung war die Lektüre und Interpretation der Texte, das heißt der zusammenhängenden und endlos langen Buchstabenketten der „scriptio continua“, eine außerordentlich ermüdende Aufgabe. Nicht zufällig bedeutete Lesen seit der Antike und lange Jahrhunderte hindurch vor allem lautes Vorlesen, das erleichterte nämlich dem Vorleser und den Zuhörern das Textverständnis. Deshalb versah der Vortragende den Text auch oft mit verschiedenen Kennzeichnungen zur Erleichterung des Lesens. Und so erklärt sich auch, dass man im Altertum das Vorlesen oft Sklaven, oder wie man sie damals nannte: „sprechenden Werkzeugen“, überließ. Im XI. Jahrhundert trat jedoch in den westlichen Kulturen eine grundlegende Veränderung ein: Mit der Neustrukturierung der geschriebenen Sprache setzte sich das bislang nur sporadisch verwendete lateinische „Spatium“, also der Wortzwischenraum, allgemein und endgültig durch. Dieser kleine Leerraum, heute wohl unter der Bezeichnung space am besten bekannt, ließ letztlich das stille Lesen möglich werden, bei dem sich ein intimeres Verhältnis zwischen Leser und Text herausbilden konnte. Hier feiern wir den Triumphzug dieses Zeichens, das sich zwischen den Wörtern verbirgt und in bescheidene Unsichtbarkeit hüllt. Die Funktion des Leerzeichens ist seit seiner Einführung unverändert, sein Erscheinungsbild hingegen bzw. seine Maße haben sich in Abhängigkeit von Perioden, Anwendungsbereichen und Geschmack gewandelt. In alten Zeiten, beispielsweise in den Kodizes, die fürs Kopieren bestimmt waren, wurde die Größe der Leerzeichen für die Mönche verdoppelt, man rechnete mit dem Zweifachen des Raums zwischen den beiden Füßen des Buchstaben „n“, der den Zisterziensermönchen im Mittelalter als Grundeinheit diente; spätere Typografen machen den Charakter des Leerzeichens von der Schriftart, praktischen Erwartungen und der visuellen Gesamtwirkung abhängig. Dieses Nichtzeichen, das die Überleitung zwischen den Wörtern gewährleistet, gelangt diesmal aus seinem untergeordneten Rollenbereich in den Mittelpunkt: Im Labyrinth der sichtbar gewordenen Leerzeichen wird es als typografische und architektonische Manifestation lebendig. Im Urwald des architektonischen Gewebes gehen wir durch vergrößerte Wortzwischenräume, in den literarischen Texten um uns herum verlieren sich die Buchstaben und Schriftzeichen zunehmend, und die Wortzwischenräume gelangen immer weiter in den Vordergrund. Durch Räume, die die traditionellen Schwerpunkte der Typografie schrittweise vertauschen, gelangen wir in einen kapellenartigen Innenraum, in die sakrale Stille des Rückzugs und des Lesens. Wir entfernen uns vom pausenlosen Lärm des digitalen Zeitalters, von dem bedrückenden Zwang der unausgesetzten Anwesenheit. Im Raum der Stille, die unabdingbar ist für ein alles ausschließendes, beinahe meditatives Lesen, verblassen die Buchstaben und Schriftzeichen schließlich vollständig, am Horizont leuchtet die Unendlichkeit der Leerzeichen wie kleine Sterne. Die Stillemusik aus den Kopfhörern isoliert uns endgültig vom ständigen Getöse der Welt. In Räumen, die die absolute Stille imitieren, erstarken die Geräusche des menschlichen Körpers; das eigentümliche Gemenge aus Herzschlag, Atemgeräuschen sowie den Klängen des Alls erschafft eine Stille, die zur weiteren Versenkung anregt.
Die Stille im Innersten.“
Eszter Szablyár

Aus dem Ungarischen von Christina Kunze
Foto: Csaba Villányi. Weitere Bilder über der Pavillon von Csaba Villányi und Fanni Udvarnoki

 

CALENDAR


2017
24
Juni
Mo Di Mi Do Fr Sa So
29 30 31 1 2 3 4
5 6 7 8 9 10 11
12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25
26 27 28 29 30 1 2

SPECIAL EVENTS

Keine Termine

EVENTS

Keine Termine

Banners