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Dezember 2015 | Zu Besuch in Berlin: Viktor Szeri

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You take my breath away
Ein Gespräch von Kinga Tóth mit Viktor Szeri, der im Dezember 2015 im Rahmen der Performance-Reihe Montag Modus im CHB aufgetreten ist

Bei dem letzten Montag Modus des Jahres 2015 war am 6. Dezember der Tänzer Viktor Szeri unser Gast. Nach Abschluss seiner Studien an der Budapester Hochschule für Zeitgenössischen Tanz studierte er an der Hochschule La Manufacture in Lausanne und arbeitet seitdem als freiberuflicher Künstler. In Berlin hat er in der Performance-Reihe Montag Modus eine Adaptation eines früheren Werkes aufgeführt. Nach der Performance stellte ihm Kinga Tóth einige Fragen.

Kinga Tóth: Wie in einer Art autistischen Repetition schreibst du am Anfang deiner Performance einen Satz, der gleichzeitig der Titel der Performance ist, auf das Panoramafenster des CHB. Durch die andauernde Wiederholung wird diese Aussage allmählich zu einem Schrei, während das Fenster auch als Spiegel zu fungieren scheint … Was bedeutet diese Zeile und wer ist der Adressat?

Viktor Szeri: Meine Performance mit dem Titel ∆YOU TAKE MY BREATH AWAY habe ich zuerst im tranzit.hu aufgeführt, in einer leeren Wohnung mit weißen Wänden in Budapest. Diese Aufführung habe ich nun für die Räumlichkeiten des CHB angepasst, was eigentlich keine große Herausforderung bedeutete, da der Raum einiges bietet, das meine Fantasie anregte. Die riesige Fensterfläche und die auch nach dem Beginn der Performance manuell steuerbare Projektionsleinwand haben mich gereizt, ich wollte die Aussicht, die Situation „draußen-drinnen” nutzen und der Frage nachgehen, was eine Performance ausmacht, wo sie beginnt und wo sie endet, wo man als Zuschauer zu mir findet, wann wir uns treffen, wann wir einer Meinung sind oder eben nicht. Als die Zuschauer den Raum betraten, war ein von mir eingesprochener Text aus den Lautsprecher zu hören, in dem ich über persönliche Erlebnisse und Probleme berichte bzw. nachdenke: was ist die Liebe, welche Gefühle habe ich, Zweifel, Bekenntnisse. Währenddessen stand ich mit dem Rücken zu den Zuschauern und schrieb auf die Fensterfläche den Titel der Performance – you take my breath away –, der für mich eine Art von Selbstaufgabe, Hingabe bedeutet, wenn man ein Grundprinzip des eigenen Lebens mit einem anderen teilt, und nun hängt es von demjenigen ab, was er damit anfängt. Ich versuchte, eine Situation wie im Theater zu schaffen, in der ich mich ehrlich zeigen wollte und aus der der Zuschauer mitnehmen kann, was ihm wichtig ist. Wie du es in deiner Frage formuliert hast, wollte ich durch die Wirkung dieser Repetition den Zuschauer immer mehr fesseln, mit mir mitnehmen, genauso wie mit dem geloopten Text aus den Lautsprechern. Währenddessen habe ich die Buchstaben immer größer und intensiver gemacht, um mit den Wörtern auf dem Fenster fast hysterisch zu schreien, mit dem Ziel, die Zuschauer einzubinden. Ich wollte sie mit dem Spiegelbild im Fensterglas konfrontieren: jeder kann sich wiedererkennen, es gibt Ähnlichkeiten, da ich von menschlichen Emotionen spreche, und ich wollte die Anwesenden dazu bringen, sich mit sich selbst ehrlich zu konfrontieren. Nach dieser Steigerung kam die Leinwand allmählich nach unten, die Projektion darauf war schon zu sehen, leise kam der Techno-Sound dazu und die Vorstellung begann.

You take my breath away from Viktor Szeri on Vimeo.

KT: Du lässt dich von alltäglichen Geschichten, von der Realität um uns herum inspirieren. Welche Gewohnheiten, Gesten wolltest du unbedingt auf die Bühne und ins Spiel bringen?

VSz: Die Reflektion auf die Gegenwart und die ehrliche Vermittlung der eigenen Erfahrungen und Gefühle sind mir sehr wichtig. In letzter Zeit war ich häufig auf Reisen. Ich habe einige Monate in Lausanne gelebt, später in Brüssel und an anderen Orten einige Zeit verbracht. Diese Erfahrungen und Erlebnisse haben mich zu dieser Solo-Performance inspiriert. Mir ist die Rolle des Ichs in der Gesellschaft sehr wichtig. Was beeinflusst mich, wie kann ich es akzeptieren, aufnehmen und mich mit ihm identifizieren? Wie komme ich mit oder durch diese Einflüsse näher an mich heran, wie lerne ich mich besser kennen? Unter diesen Einflüssen verstehe ich verschiedene Subkulturen, Trend-Erscheinungen, Normen sowie den Verzicht auf diese, d.h., das Erproben und die Überschreitung der Grenzen. Wie interpretiere ich mich selbst, wer bin ich und ist dies überhaupt wahr? Nicht nur ein aufgezwungenes Bild? Diese Fragen will ich beantworten, dafür erwies sich der schöpferische Prozess als ein sehr guter „Spielplatz”, da die Zahl der Antwortfindungsmöglichkeiten unbegrenzt schien.

KT: Deine Performance ist dein Tagebuch, wie du sagst. Neben der Extrovertiertheit ist auch die Selbstreflexivität ausgesprochen charakteristisch für dich, du schöpfst aus dir selbst, aus den eigenen Erfahrungen…

VSz: Die tagebuchartige Form der Vorstellung wurde von meinen eigenen Erlebnissen inspiriert. Zwischenmenschliche Beziehungen, Liebe… Eigene Erlebnisse von Partys, Flirts, Kino, des Feierns eines selbst, über den Wunsch der Anpassung. Mich interessiert, welche Wirkung die Informationen von Außen auf einen haben, was man mit ihnen anfängt. Darum habe ich an den Anfang meiner Performance ein Video aus den frühen 1990er Jahre gesetzt, in dem in den Vereinigten Staaten eine Frau, die den totalen Gegensatz der Natürlichkeit verkörpert, andere Menschen gegen Botox einstimmen will, wogegen sie eine Gesichtsgymnastik erarbeitet hat. Das Video war auf der riesigen Leinwand zu sehen, ich saß mit dem Rücken zum Publikum und versuchte, die Dame nachzuahmen, was wiederum auf einer Screenfläche für die Zuschauer sichtbar war. Dann habe ich die Gesichtsgymnastik in Bewegung umgesetzt, habe herumprobiert, was man mit ihr anfangen kann, wie ich mich finde. Die tagebuchartige Form meiner Performance wurde durch DIY-Lösungen unterstützt, ich habe mehrere Medienebenen benutzt. Videos, Töne, Musik, Licht. Ich wollte eine Wirkung erzeugen, als würde man in einem Tagebuch blättern, in dem Bilder eingeklebt sind, dann kommt ein Text, und dann ist ein Blatt voll mit Glitzerpulver dekoriert.


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KT: Frechheit und Sarkasmus, Identitätsvermischung und undefiniertes Alter sind auch charakteristisch für deine Performance. Die Überschreitung der Grenzen, seien es die Grenzen des Alters, der Sexualität, der Rollen, der Trends oder der Kulturen, ist gewollt. Was wolltest du unbedingt darstellen und aus welchen Phänomenen machst du mit Gesten und Bewegungen einen Witz?

VSz: Wie in meinem Leben bin ich auch in meinen Stücken bestrebt, keine Erwartungen und Grenzen zu haben. Natürlich ist dies oft nicht einfach, da man vieles beachten muss und den Zuschauer auch nicht vergessen darf. Andererseits trägt zur Glaubwürdigkeit des Stückes bei, dass ich diese Stücke aus eigenen Kräften finanziere. Aus diesem Grund sind sie sehr ehrlich, da ich meine eigenen, von mir gedrehten Videos in meinen Stücken benutze, was wiederum dem Ganzen eine Art von Unprofessionalität verleiht, da ich kein Geld habe, Profis zu engagieren. Die Musik wird von mir bearbeitet, die Videos werden von mir gedreht und geschnitten. Die Verarbeitung dieser Elemente mit dem Tanz, mit der Präsenz schafft meiner Meinung nach eine ehrliche Atmosphäre, bei der der Zuschauer nicht das Gefühl hat, weit entfernt vom Künstler zu sein. Diese Entfernungen zwischen Zuschauer und Performer möchte ich unbedingt aufbrechen und mit ihnen spielen, mich ihnen manchmal annähern, manchmal aber von ihnen entfernen. Die Erprobung der Grenzen, die Darstellung von Rollen, Trends und Kulturen hat mich während des Arbeitsprozesses sehr interessiert. Ich habe mit jedem Erlebnis, das ich in letzter Zeit hatte, gespielt. Wie ich vorhin schon gesagt habe, habe ich mich während dieses Schöpfungsprozesses so gefühlt, als könnte ich meinen eigenen „Spielplatz” genießen und aufbauen. Ich habe mich auch mit der allerkleinsten Idee beschäftigt und ohne zu überlegen alles ausprobiert. Der für Musikvideos charakteristische Schnitt, die Sprünge aus der einen Szene in die andere, ist für meine Performance typisch. Ich versuchte, Videos über Schönheiten früherer Epochen zu benutzen, sie aus der Gegenwart neu zu interpretieren und greifbar machen. Ich bin in Rollen geschlüpft, Denkweisen nähergekommen und habe auch meine eigenen Gefühle zugelassen. Diese winzigen Ideen habe ich entfaltet, um sie dann zu einem Stück zu formen.


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KT: Dein Verhältnis zu Raum und Gebrauchsgegenständen ist auch eigen. Während man vielleicht behaupten kann, dass du klassischen Richtungen und Schemata folgst, bricht die nicht gebrauchsgerechte Verwendung von Gegenständen die Ruhe auf, die deine Bewegung im Raum in den Zuschauern erzeugt. Hast du symbolische, bedeutungstragende Gegenstände?

VSz: Ich wollte, dass mein Solo leicht zu deuten ist, ohne Gegenstände mit symbolischer Bedeutung, damit es jeden erreichen kann. Ich wollte Ehrlichkeit. Die gute Überschaubarkeit des Raumes sowie der szenische Ortswechsel waren gewollt, um die Deutbarkeit zu erleichtern. Ich wollte die Zahl der benutzten Gegenstände auf das Minimum reduzieren und habe alles funktionsgerecht verwendet (TV-Screen, MacBook, iPhone, Mikrowelle, Popcorn, Perücke, Make-up). Am meisten hat mich interessiert, wie sie auf mich wirken und mich verändern. Es gab einen einzigen Gegenstand, der über eine recht starke Bedeutung verfügte: das Pony, das während der Performance mehrmals vorkam. Das Pony hat für alle eine andere Bedeutung, darum wollte ich es nicht eindeutig machen. Für mich bedeutete es die Liebe. Es ist vom Anfang bis zum Ende der Vorstellung auf der Bühne zu sehen, kommt später auch in einem beschleunigten Video vor, und am Ende spreche ich es sogar an.


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KT: Du hast einmal erwähnt, dass du diese Performance gern weiterentwickeln möchtest. Um welche Elemente und in welcher Form planst du sie zu erweitern? Was ist dein nächstes Projekt?

VSz: Ich möchte auf jeden Fall an dieser Performance noch weiterarbeiten, zunächst sind jedoch Bewerbungen für Residenzprogramme sowie Fördergelder dran. Ich möchte dieses Stück gern in Ungarn vorführen, darum bin ich auf der Suche nach einer Spielstätte. Ich bewerbe mich auch für die Teilnahme an ausländischen Festivals. Der Grundgedanke zu meinem nächsten Projekt entstand, während ich dieses Solo konzipierte, es soll anhand des Leitfadens dieses Stückes eine Adaptation in einem Ausstellungsraum mit dem Titel Self celebration sein. Mit Julcsi Vavra haben wir als Choreografen und Künstler an unserem Stück Sugárveszély zusammengearbeitet, das zum diesjährigen Sziget Festival eingeladen wurde. Zurzeit arbeite ich zusammen mit Imre Vass, Tamara Vadas und Dávid Somló an einem Stück, dessen Premiere am 18. und am 19.05. vom Budapester MU Theater aufgeführt wird. Dann habe ich ein Engagement in einem neuen Stück von Csaba Molnár, das am 19.09. in Prag uraufgeführt uns im Oktober im Budapester Trafó gezeigt werden wird.

Aus dem Ungarischen übersetzt von Orsolya Széher.




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