201411 KK OdB SL

DAS ORNAMENT DER BRÜDERLICHKEIT

In der Ausstellung ORNAMENT DER BRÜDERLICHKEIT  suchen wir  nach dem Material kollektiver Identität und dem Ornament der Zusammengehörigkeit im heutigen Europa. Das Ornament greifen wir  als ein visuelles und auditives Kommunikations-Medium auf, dass sich nicht eindeutig definieren lässt, als Zone der Überschreitung, die für einen Bewegungs- und Richtungswechsel steht und komplexe Prozesse stark komprimiert wiedergibt. Wir fragen jenseits von politischen und ideologischen Ansätzen, sondern anhand von künstlerischen Arbeiten und wissenschaftlichen Beiträgen ob ein Muster-System erkennbar ist? Die Ausstellung ist ein Versuch, das Thema aus einem anderen Blickwinkel, nämlich mit einem formgeschichtlichen und materialikonografischen Ansatz anzugehen. Darum werden das "Blut" als Material sowie  der “Körper” und das kollektive Ornament als Bezugs- und Ankerpunkte der Zusammengehörigkeit dienen.

Brüderlichkeit ist im Ungarischen eine genderneutrale Wortzusammensetzung aus „Körper-Blut“. Welche Relevanz hat das Blut als Material bei der Zusammengehörigkeit heute in Europa - von der nationalen Identität bis zur Familie? Was hält Nationen zusammen und wie sieht das in komprimierter Form – wie beim nation branding aus? Ist die Abstammung nach Blutsverwandschaft noch ein relevanter Begriff bei der Zusammengehörigkeit, wenn von der Ökonomisierung der Familie im neuen sozialen Raum von gender-basierten Familien-Modellen die Rede ist? Ist die Blutspende als höchste Form des Altruismus noch relevant oder ist es seit dem profesionellen Blutspendenmarketing ein Akt der Kapitalisierung der Ressourcen geworden? Wie hat die HIV/AIDS Problematik unser Verhältnis zu dem ikonischem Material der Zusammenhörigkeit beeinflusst – „Vom [menschlichen] Blut zur Sozialpolitik“ (Titmuss). Welche Muster und Ornamente geben der Zusammengehörigkeit eine visuelle Grundlage, welche sind die kommunkativen Flächen, auf denen diese Ornamente geteilt werden?

Die Ausstellung zeigt die Ornamente der Brüderlichkeit anhand von Werken Anfang der 1990er Jahre, wie Dan Perjovschis Romania Tattoo und Removing Romania (1993/2003), Katarzyna Kozyra`s Blood Ties (1995) und Draculaland 5 (1994) von subReal.  Im Rahmen von Kritik und Krise wurden zwei neue Werke speziell für die Ausstellung in Auftrag gegeben an Tamás Komoróczky und Imre Lepsényi. Immanenter Teil der Ausstellung sind die Ergebnisse der jahrelangen Recherche, die auf der Webseite kritikundkrise.de in einer öffentlichem Bibliothek zusammengefasst wurden, wo dokumentarische Knotenpunkte des Themas um Nation Branding, Blutspenden, Identität und Migration zusammen mit kunsthistorischen und formgeschichtlichen Eckpunkten des Diskurses präsentiert werden. Zusätzlich wird es einen audiovisuellen Bereich geben, der die Tonspur der Brüderlichkeit, Solidarität und Zusammengehörigkeit einzelner Gruppen anlässlich der neuen Welle der innereuropäischen Migration am Beispiel Ungarns aufgreift – so in Songs von Kiscsillag, Presszo Tango Libido, Dopeman, Laura Wilde oder Peter Geszti. Denn Ornamente sind nicht nur visuelle Medien sondern auch in der Repetition, Wiederkehr, Rhythmus, Dynamik und Bewegung – auditiv erfahrbar.

Die  Ausstellung Das Ornament der Brüderlichkeit (13. November 2014 - 18. Januar 2015) ist Teil der Programmreihe Kritik und Krise, die in Kooperation mit dem Deutschen Historischem Museum über drei Jahre angelegt erarbeitet wird. (www.kritikundkrise.de)

KRITIK und KRISE hinterfragt die letzten vermeintlich gemeinsamen Nenner europäischer Krisenphilosophie: die bis heute gültige Basis demokratischer Ordnung – was ist noch übrig von "Liberté, Égalité, Fraternité"? Ziel der dreijährigen Veranstaltungsreihe des .CHB ist es, diese Grundprinzipien europäischer Zusammengehörigkeit auf das aktuelle Selbstverständnis hin zu überprüfen. Wir fragen kritisch in der Krise über die Krise, nach der Krise.
Das .CHB widmet sich den Fragen nach Liberté, Égalité, Fraternité jeweils mit Ausstellungen, Gesprächen, mit Symposien und Katalogen sowie einem Kunstvermittlungsprogramm für Kinder. Nachdem die erste Ausstellung SCHWINDEL DER FREIHEIT  (18.10.2012–20.01.2013) die dunkle Seite des Freiheitsbildes (Liberté) vornehmlich anhand von Videoarbeiten untersuchte und die Folgeausstellung SCHEMEN DER ZUKUNFT (15.11.2013–19.01.2014) das nächste demokratische Grundprinzip, Egalité bzw. Gleichheit, auf seine Relevanz hinterfragt hat, wird die Reihe mit dem Ausstellungsprojekt 2014/15 zur Frage nach der BRÜDERLICHKEIT (13.11.2014-18.01.2015) im heutigen Europa abgeschlossen.

Mehr zu Kritik und Krise finden Sie hier.


ENGLISH

 

THE ORNAMENT OF FRATERNITY
In the exhibition THE ORNAMENT OF FRATERNITY, we are searching for the material of collective identity and the ornament of kinship in today’s Europe. We see the ornament as a means of visual and auditory communication that resists clear-cut definitions – as a zone of transgression that embodies a change of movement and direction and portrays complex processes in a condensed way. Leaving behind political and ideological approaches and instead basing our investigation on artworks and scholarly articles, we ask: What sort of patterns can we identify here? Using form-critical and material-iconographic methods, the exhibition will attempt to get to the bottom of the complex topic of fraternity, its form and its material. To that end, “blood” will serve as the material of kinship, and “the body” and the collective ornament (Imre Lepsényi)  will serve as its anchors and reference points.
 The Hungarian word for “fraternity” is a compound neuter noun made up of the words “body” and “blood”. Bearing that in mind, what relevance does the material of blood have for kinship in today’s Europe, whether in terms of national identity or the family? What is the stuff that holds nations together and what does it look like in condensed form, e.g., the practice of nation branding? Are ancestral bloodlines still pertinent to the concept of kinship when we talk about the economisation of the family in the new social space of gender-based family models? Can we still consider donating blood the highest form of altruism or has blood donation marketing turned it into an act of the capitalisation of resources? How have the problems surrounding HIV/AIDS influenced our understanding of the iconic material of kinship – “from human blood to social policy” (R. Titmuss)? What patterns and ornaments provide a visual basis for kinship? What communicative spaces can we use to share these ornaments?

The exhibition will present the ornaments of fraternity along works from the transition period of the 1990s: we show Dan Perjovschi`s Romania Tattoo and Removing Romania (1993/2003), Katarzyna Kozyra`s Blood Ties (1995) and subReal`s Draculaland 5 (1994). In the framework of Critique and Crisis we comissioned new works by Tamás Komoróczky and Imre Lepsényi especially for this exhibition. An intrinsic part of the show will address the results of year-long research , accessible on the website kritikundkrise.de also partly in English in a comrehensive reader whoch focuses on the discourse surrounding nation branding, blood donations, identity and migration – coined with art historical premisses like form- image- and material history. There will also be an audiovisual area presenting the soundtrack of individual groups’ fraternity, solidarity and kinship in light of the new wave of intra-European migration using Hungary as a case study. The ornament is not only a visual medium but can also be experienced aurally by means of repetition, recurrence, rhythm, dynamics and movement – so in Songs by Bands and artists such as Kiscsillag, Presszo Tango Libido, Dopeman, Laura Wilde oder Peter Geszti.
Please find more information about Critique and Crisis here.
 
THE ORNAMENT OF FRATERNITY (13.11.2014–18.01.2015) is the third and final exhibition of the Critique and Crisis programme series, a three-year project carried out in cooperation with the German Historical Museum. (www.kritikundkrise.de)