10.12.2018 20:00 | Montag Modus #21: Figuring the Archive

Am 10. Dezember wirbelt die Performance Serie Montag Modus im Collegium Hungaricum im doppelten Sinne Staub auf. Mit Figuring the Archive wird ein frischer Blick auf Positionen der Tanzgeschichte geworfen.

Vereinendes Motiv der Produktionen von Jule Flierl, Mirjam Sögner, Emese Cuhorka, Csaba Molnár und Just in Kennedy ist die Entstaubung ikonischer Figuren und die kritische Frage nach Repräsentationsformen des menschlichen Körpers. Die Inspirationsquellen sind vielfältig: Angefangen bei der Choreographie Oskar Schlemmers, der beeindruckt von der technischen Entwicklung des 20. Jahrhunderts eine Art von Tanz mit der Ästhetik geometrischer Formen entwickelte, über die kritische Neuinterpretation Isadora Duncans, die sich mit der westlichen Darstellung des weiblichen Körpers auseinandersetzt; bis hin zu dem von Valeska Gert inspirierten Tanz, der die Bedeutung des Grotesken untersucht, welches als Mittel zum Nachweis der Komplexität des heutigen gesellschaftlichen Klimas dient. In verschiedenen Formaten, wie einem Tanzstück, eine Science Fiction Oper oder eine performativen Installation werden Bruchstücke der westlichen Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts präsentiert, ohne die Absicht einer holistischen Auffassung zu verfolgen.

Montag Modus ist eine zweimonatlich stattfindende Veranstaltungsreihe des CHB, die verschiedene Aspekte performativer Kunst untersucht und besonders die Schnittstelle zwischen Bildender Kunst, Tanz und Theorie. Montag Modus ist site specific: in künstlerischen Aktionen wird das ganze Gebäude des CHB z. T. parallel in 3-5 Räumen bespielt. Als internationale Plattform fördert sie die Zusammenarbeit von Künstlern aus Ungarn und Berlin. Sie wird vom Ungarischen Außenministerium gefördert. 

Kuratiert wird die Veranstaltungsreihe von Léna Szirmay-Kalos.

Programm des Abends

Die auftretenden Künstler*innen beschreiben ihre Produktionen wie folgt:

Jule Flierl: Dissociation Study

Foto: Luise Meier 

Dissociation Study ist ein grotesker Tanz für das Gesicht, in dem gegen die Übereinstimmung von singender Stimme und Gesichtsartikulation gearbeitet wird, und diese als unabhängig voneinander agierende Koordinationsfelder entwickelt werden. Dissoziation beschreibt einen mentalen Zustand der als Störung gesehen wird. Die Dissociation Study will sich vom Dogma des holistischen Körpers loslösen, fordert die Wahrnehmung des phonierenden Körpers heraus und ist ein Spiel mit Sensorik und Koordination der Performer. Der Körper der Zukunft macht analog keinen Sinn und bewegt sich in viele Richtungen gleichzeitig. (Jule Flierl)
Dieses Stück ist von dem Stimm-Tanz „Coloratura" der avant-garde Tänzerin Valeska Gert aus den 1920'er Jahren inspiriert.

Jule Flierl ist eine Berliner Tänzerin und Vokalakrobatin. Sie studierte zeitgenössischen Tanz an der SEAD-Salzburg und arbeitete als Tänzerin u.a. mit Christine Borch, Martin Nachbar, Ibrahim Quarishi, Gintersdorfer/Klaßen und Tino Sehgal zusammen. 2015 erhielt sie einen Abschluss in Choreographie von der E.X.E.R.C.E. in Montpellier, wo sie die Stimme des Tänzers bei der Repräsentation des tanzenden Körpers erforschte.

 

Emese Cuhorka und Csaba Molnár: Meisterwerk | Work-in- Progress

Foto: Emese Cuhorka

Bewegliche Postkarten aus dem kollektiven Unbewussten, der versteinerte Zustand der Menschheit, in Reime gezähmte Trance, leidenschaftslose, zynische Einordnung. Zum Tanz zerquetschte Schmerzmittel, die erhobene Zweisamkeit des Unvergleichbaren. Die ununterbrochene Eile und Unruhe, die den Körper selbst versklaven. Die Körperbewegungen schaffen einen Übergang zwischen abstrakter und konkreter Bedeutung und werden letztendlich in Choreographie umgewandelt (oder: werden zur Choreographie).

Als Inspirationsquelle für dieses Stück dienten die Ideen und die Strömungen des Bauhaus und des Triadischen Balletts. Es wird untersucht, durch welche Bewegungsformen sich der Körper von den seit Jahrhunderten abgelagerten kulturellen Bedeutungen und Symbolen befreien kann. Sämtliche Objekte werden als Kostüme benutzt, die die Bewegung stark beeinflussen. Dabei liegt der Fokus vor allem darauf, wie der Körper seine Autonomie wiedererlangen kann, wenn er funktionsmäßig verhindert wird. Wie können durch diese Formen neue Bedeutungen geschaffen werden?

Der Körper als Meisterwerk beinhaltet die Erinnerung an bestimmte Routinen und ist gleichzeitig auch der Schauplatz des Weckens von Erinnerungen . Er definiert das Selbst und seine unendlichen Möglichkeiten. Durch die Modifizierung des Körpers lässt sich seine Umgebung manipulieren und damit Freiheit für Veränderung und Neudefinierung schaffen. (Emese Cuhorka & Csaba Molnár)

Konzept, Choreografie, Performance: Emese Cuhorka, Csaba Molnár | Sound: Ábris Gryllus | Kostume: Csenge Vass | Mentor: László Fülöp | Gefördert vom Ungarischen Kulturfonds und Zoltán Imre Programm | Unterstützt durch Sín Arts und Kultur Zentrum, Workshop Foundation und Off Foundation.

Emese Cuhorka und Csaba Molnár haben an der Budapest Contemporary Dance Academy studiert und arbeiten seitdem als Tänzer und Choreografen sowohl an ihren eigenen Werken, als auch an ihren Projekten in Kooperation mit Hodworks zusammen. In den letzten Jahren wurden ihre Projekte mehrmals von Aerowaves ausgewählt, darüber hinaus sind sie auch Mitgestalter mehrerer Werke, die mit dem Rudolf Lábán-Preis ausgezeichnet wurden (Skin Me, Your Mother at my Door u.a.). 2018 ist Csaba Molnár Stipendiat des Viktor Fülöp Programms.

 

Mirjam Sögner: Dancer of the Future

Foto: Martin Schwarz

Schwarz-Weiß-Fotografien, die eine posierende Isadora Duncan zeigen bilden den Ausgangspunkt für diese Reihe von Körper-Exposés. Anstatt den natürlich-harmonischen Bewegungsfluss zu rekonstruieren, den Duncan in ihrem Manifest „The Dance of the Future" beschreibt, werden die einzelnen Bild-Fragmente auf ihr queeres Potential hin untersucht. In poröse Oberflächen verwandelt, schimmern nun mehr als 2000 Jahre westlicher Darstellungstradition des weiblichen Körpers durch sie hindurch.

Im Spannungsfeld zwischen dem erkennbar antiquierten Bewegungsvokabular und den zeitgenössischen Körpern zeigt sich der vermeintlich natürlich weibliche Gestus als kulturelles Konstrukt. Entkoppelt von Geschlecht, werden Mimik und Posen als erlernbarer und noch immer in Körper eingeschriebener Kodex dechiffriert. (Mirjam Sögner)

Dancer of the Future ist in der Originalfassung ein abendfüllendes Duett für einen Theaterraum. Bei Montag Modus wird eine performative Installation gezeigt, der eigens für Die Räumlichkeiten des CHBs adaptiert wurde.

Konzept, Choreographie, Performance: Mirjam Sögner | Musik: Barney Khan | Kostüme: Mirjam Sögner | Gefördert von Stadt Salzburg, Land Salzburg und dem Österreichischen Bundeskanzleramt.

Mirjam Sögner lebt in Berlin und in Wien und arbeitet als Choreographin und Performance-Künstlerin. Sie studierte Tanz, Choreographie und Künstlerische Forschung an der MUK Wien und an der Artez Arnhem. Ihre Werke sind europa- und weltweit bekannt und wurden mehrmals von Aerowaves ausgewählt. Derzeit arbeitet sie mit Siegmar Zacharias und Renae Shadler zusammen. Ihre neueste Solo-Performance RAYS prämierte vor kurzem im brut Wien.

Just in Kennedy: JUKEBOX

Foto: Bart Babinksi

Die JUKEBOX, oder Göttliche Komödie mit neugestalteten Popsongs und Sci-Fi Requisiten ist eine Solo-Performance von Pisstol, ein Straßenkehrer aus Etherland. Seine neuesten Fundstücke, darunter ein neon-pinker Pissoir-Kuchen und eine rosafarbene Karaoke-Maschine, die er auf dem Planeten Erde nach der Apokalypse gefunden hat, zeigt er auch dem Publikum. Dabei wird die eindeutige Zuneigung des Besitzers zu der rosa Farbe rosa ersichtlich. Infolge der sinnlichen Choreographie, der Stand-Up-Comedy Teile und der Ooperna-artigen Vortragsweise wird das Publikum selbst zum Teil der vonm Pisstol durchgestöberten Landschaft. (Just in Kennedy)

Just in F Kennedy stammt ursprünglich aus den US Virgin Islands und lebt heute als Tanzschaffender in Berlin. Nach seinem sein BA inm Tanz und Ethnicsche Studies, erhielt er seinen Master in Choreographie an der HTZ Berlin. Er arbeitete u.a. mit und für Ligia Lewis, Isabel Lewis, Tino Sehgal, Adam Linder, Jeremy Wade und Peaches. Derzeit arbeitet Just in an einer Sci-Fi-Opera, den Werken mit seinerm Kunst-Boygroup BOYS in the WOODS und an der Oper The Want von Adam Linder.