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Zu Besuch in Berlin: Péter Puklus (April 2016)

 

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Péter Puklus bei der Eröffnung in der Galerie C/O Berlin; links Ann-Christin Bertrand, Kuratorin der Ausstellung. Foto: David von Becker

"Wir leben noch immer im 20. Jahrhundert” – ein Gespräch mit Péter Puklus

Er betrachtet sich selbst nicht als Fotograf, dennoch gilt Péter Puklus als einer der talentiertesten jungen Fotografen in Ungarn. Nun wurden seine Werke gleich an zwei Orten in Berlin vorgestellt: die Ausstellung der Galerie C/O Berlin, die auch vom Collegium Hungaricum Berlin unterstützt wurde, war bis zum 24.04., die Schau in der Galerie Robert Morat bis zum 07.05. zu sehen.

Dániel Kovács: Du hast zwei laufende Ausstellungen in Berlin, die eine in der Galerie Robert Morat, die andere in der Galerie C/O Berlin. Könntest du einige Worte zu den Ausstellungen sagen und sie kurz beschreiben, wenn man sie nicht gesehen hat?

Péter Puklus: Die beiden Ausstellungen sind eigentlich drei oder nur eine, nur an zwei Orten. Ann-Christin Bertrand, Kuratorin der C/O Galerie, hatte nämlich ursprünglich den Plan, mein bisheriges vollständiges Werk, das aus drei selbstständigen, aber aufeinander aufbauenden Projekten besteht, ähnlich einer Retrospektive vorzustellen. Als wir jedoch versuchten, diese drei Projekte in den Räumlichkeiten der C/O Galerie unterzubringen, mussten wir feststellen, dass sie irgendwie doch nicht hineinpassten. In der gleichen Zeit kam Robert Morat die Idee, dass es langsam wieder an der Zeit wäre, eine Ausstellung mit mir zu machen. Seine Galerie vertritt mich sowohl in Deutschland als auch international, und hat meine Arbeiten mehrmals auf internationalen Messen vorgestellt, zuletzt beim Amsterdamer Unseen Photo Festival – bzw. werden wir im November gemeinsam an der Paris Photo teilnehmen. Das war also ein glücklicher Zufall, durch den dann schnell die folgende Konzeption entstand: die Arbeiten der Reihe One and a half meter, die zwischen 2004 und 2009 entstanden sind und über meine Freunde, meine näheren Bekannten und meine Beziehung zu ihnen erzählen, kamen in die Galerie Robert Morat. Im ersten Drittel der Ausstellungsfläche im Obergeschoss der C/O Galerie ist Handbook to the Stars zu sehen, eine Serie, die zwischen 2009 und 2012 entstanden ist und die unbegrenzten Assoziationsfähigkeiten des menschlichen Gehirns untersucht. Die Werke der Reihe The Epic Love Story of a Warior schließlich, an denen ich seit 2009 kontinuierlich arbeite und die die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit den Augen einer fiktiven Familie aus Ostmitteleuropa gesehen als Hauptthema haben, füllen die anderen beiden Drittel der Fläche. Eigentlich ist es egal, ob es sich um eine, um zwei oder um drei Ausstellungen handelt. Ich würde eher sagen: schaut, dies habe ich mit 35 Jahren erreicht, dies habe ich bis jetzt gemacht – so betrachtet können wir tatsächlich von einer Retrospektive reden, was jedoch ein komisches Gefühl ist.


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Wires (2013) und Two Suns (2013). Aus der Reihe A The Epic Love Story of a Warrior.

DK: Der erste Unterschied, der sofort auffällt zwischen den Werken an den beiden Orten, betrifft die Dimension der Intimität. Die Reihe One and a half meter zeigt private Bereiche und Beziehungen, Situationen, die einem Außenseiter selten unter die Augen kommen. Die Werke in der C/O Galerie scheinen wiederum ausdrücklich für das breite Publikum geschaffen worden zu sein. Machst du dir während des Arbeitsprozesses Gedanken darüber, in welcher Situation das jeweilige Werk einst gezeigt werden wird?

PP: Ja und nein. Es muss in einer Arbeit Phasen geben, in denen niemand und nichts zählen, es keine Kompromisse gibt und ich den externen Anpassungszwang vergessen kann. Wenn dieser kreative Prozess abgeschlossen ist, manchmal sogar gleichzeitig mit diesem, beginnt ein anderer: der Anfrage für eine Ausstellung folgt die Begehung der Ausstellungsfläche, der Festlegung des Budgets folgt das Tüfteln an Möglichkeiten, wie etwa die Verstärkung bestimmter Aussagen mit gezielter Bildauswahl. Es kommt jedoch auch vor, dass ein Werk unter Berücksichtigung eines bestimmten Raumes oder einer bestimmten Ausstellungssituation auf gewisse Fragen und Probleme reflektiert. Solche Arbeiten kommen in der Regel erst nach der Anfrage zustande, häufig sogar erst kurz vor der Eröffnung. Dann gibt es eine weitere wichtige Situation für die Vorstellung: das Buch. Ich betrachte meine Projekte erst dann als abgeschlossen und kann sie erst dann loslassen, wenn auch die Monografie fertig ist – für mich ist dies die endgültige (oder die vergleichsweise nur schwer veränderbare) Form, durch die ich meine Nachricht vermitteln kann.

DK: In der Reihe Unsafe to Dance geht es auch um experimentelle Situationen. Das Thema der Bilder ist gelinde gesagt heterogen, beide Reihen in der C/O Galerie erhalten Atelierfotos und Fotos im Freien, Porträts und Stillleben, es gibt sogar Installationen neben den Bildern. Was hat dich dazu angeregt, die Grenzen der Fotografie zu überschreiten?

PP: Tatsache ist, dass ich ein Diplom als Fotograf habe (um genau zu sein, steht in meinem 2005 an der Moholy-Nagy Universität erworbenen Diplom, dass ich Künstler für Gestaltung visueller Kommunikation, in Klammern: Fotograf, bin), aber ich habe mich nie (oder nur für eine kurze Zeit) als Fotograf betrachtet. Ich sage immer, dass ich mich eher als bildenden Künstler sehe, unter dessen Ausdrucksformen, Funktions- und/oder Interessengebieten eines die Fotografie ist, aber nicht nur und nicht ausschließlich, sondern nur eines unter weiteren. Sollte ich mich einer Gattung verschreiben, würde ich sofort das Gefühl haben, dass ich eine Mauer um mich herum errichtet habe, eine Sperre oder eine Schranke, die ich nur aus dem Grund nicht öffnen darf, weil auf der anderen Seite sich ein anderes Werkzeug befindet. Fotografie ist nur ein Werkzeug im Werkzeugkasten, und nicht einmal dies ist eigentlich wichtig. Was wirklich zählt, ist die Aussage (der Gedanke, die Idee, der Beitrag usw.), die der Künstler durch seine Werke vermitteln möchte. Zu seiner Arbeit gehört meiner Meinung nach auch, dass er zur Vermittlung dieser Aussage das bestmögliche Mittel findet, das ihm bei der Verwirklichung dieses Ziels weitestgehend helfen kann.

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Five tapes (2011) und Giant Baked Beans Can (2011). Aus der Reihe Handbook to the Stars.

Dafür nutze ich das Medium Fotografie tatsächlich auffällig oft, aber Tatsache ist, dass neben (oder unter oder über) der Fotografie alles Platz hat, sei es Batik, Feuer-Emaille oder Volkstanz (natürlich stimmt das nicht, die Extrembeispiele stehen hier nur zur Veranschaulichung der Theorie). Übrigens stammt die Konzeption des Titels der Ausstellung in der C/O Galerie, Unsafe to dance, aus diesem Gedanken. Es ist gefährlich, unsicher, risikoreich zu tanzen. Befreit und mit Freude erkunde ich neue Gebiete (sprich: ich tanze mit ihnen und um sie herum), aber ich weiß auch, dass ich mich auf einem unbekannten Terrain bewege. Fotografie (unabhängig von Stil oder Gattung) hält in den meisten Fällen einen eingefrorenen Moment fest, der in den meisten Fällen in einer quadratischen Form an die Wand oder auf die Blätter eines Magazins oder Buches kommt. Mich interessiert, was vor und nach diesem eingefrorenen Moment passiert oder passierte, sowohl zeitlich als auch räumlich. Dies ist ein relativ unerforschtes Gebiet.

DK: Ein Großteil deiner Werke steht aber auch für die Verschmelzung der Grenzen zwischen angewandten Gattungen und souveränen, kreativen Projekten. Ein gutes Beispiel ist hierfür die Kampagne, die du für das Amsterdamer Unseen Photo Festival auf die Beine gestellt hast, bei der eine längst verlorengegangene Csáky-Porträtstatue zum Leben erweckt wurde. Wie offen ist das Publikum für diese Art von Experiment und wie reagiert der Auftraggeber?

PP: Mit dem Publikum bin ich vorerst ziemlich streng, ich gebe relativ wenig Stütze oder Hilfe. Ich nehme es nicht an die Hand, um es durch die Ausstellung, das Buch oder das Projekt zu führen, und sage nicht: Hier muss man sich dieses oder jenes anschauen, weil … Ich weiß um die ziemlich hohe Hürde,
meine Arbeiten zu mögen. Ja, der Betrachter muss auch ein wenig arbeiten, um dahin zu gelangen. Ich habe jedoch die Erfahrung, dass diejenigen, die einmal verstanden haben, womit ich mich beschäftige, darüber glücklich sind. Aber auch unsere Verbindung wird enger durch das aus eigener Kraft erreichte Ergebnis. Auch bin ich mir darüber im Klaren, dass es hierbei um eine ziemlich elitäre Einstellung handelt, durch die größeren Massen (sogar Fachleuten) das Verständnis versperrt wird. Dies habe ich zum Beispiel im Falle von Unsafe to Dance anders gemacht. Zusammen mit der Galerie C/O Berlin laden wir die Besucher ein, mit ihren Smartphones Fotos im Ausstellungsraum zu schießen, die Bilder zu bearbeiten und verschmelzen zu lassen, und diese dann bei Instagram oder Facebook hochzuladen. Wir haben den Hashtag #remixpeterpukluscob erstellt, mit dem man dem Verlauf dieses Spiels oder Versuchs folgen kann. Tatsache ist, dass viele Zielgruppen existieren (nicht nur das Alter, sondern auch das Hintergrundwissen, die finanzielle Situation, den Interessenkreis usw. betreffend), und in gewisser Weise sind alle wertvoll. Es muss für jede Zielgruppe eine Nachricht und/oder ein Mittel geben, mit der bzw. dem man sie erreichen kann.

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Die neu erschaffene Csáky-Statue aus der Reihe The Epic Love Story of a Warrior in der Galerie C/O Berlin. Foto: David von Becker

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein Teil des Publikums es mag, das Neue zu erfahren und zu verstehen. Ihm gefällt es, eingebunden und mit Erlebnissen beschert zu werden (Letzteres will es jedoch sofort). Der Auftraggeber wiederum mag es, wenn dieses Publikum eine Eintrittskarte kauft. In den meisten Fällen wird so eine Kampagne in Teamarbeit aufgebaut, bei der wir gemeinsam die endgültige Form und Aussage bestimmen; oder der Auftraggeber überblickt den Prozess und so habe ich die Chance, ihn von meiner Konzeption zu überzeugen, bzw. wurde ich (so hoffe ich wenigstens) gerade deswegen angefragt.

DK: Bei der Neuschöpfung der Csáky-Statue hast du dir einen kleinen Scherz erlaubt: das Porträt sieht dir ein bisschen ähnlich. Ich fand auch die Kampagne für das Modelabel Mei Kawa bemerkenswert, bei der die Kleidungsstücke von dir und deiner Mutter vorgestellt wurden. Hast du keine Angst, deinen privaten Bereich zu zeigen? Aus welcher deiner Arbeiten kann man am besten erfahren, wer eigentlich Péter Puklus ist?

PP: (lacht) Die Arbeit ist noch nicht fertig… Natürlich gibt es auch bei mir Grenzen. Die Vorstellung des privaten Bereichs ist tatsächlich heikel, man kann es gut und weniger gut machen. Vielleicht sieht man meinen Arbeiten aus der letzten Zeit an, dass die Selbstreflexion langsam eine neue Form annimmt.

DK: In einem Interview sagst du: der Künstler von heute muss seine Umgebung im Auge behalten und auf Veränderungen reagieren. Gab es etwas in der letzten Zeit, das dich nachdenklich gemacht hat und auch an deinem Werk nicht spurlos vorbeigegangen ist?

PP: Eine meiner wichtigsten Erkenntnisse vielleicht, die dann auch in die Reihe The Epic Love Story of a Warrior aufgenommen wurde: wir leben noch immer im 20. Jahrhundert. Tagtäglich kann man auf eine Denkweise treffen, die nach dem Zweiten Weltkrieg oder gar noch früher entstand, oder auf eine schlechte Praxis, die schlechter Routine entstammt. Wir machen unser Leben und unsere Zukunft von einer höheren Entität, im schlimmeren Fall vom reinen Glück, abhängig, und erkennen nicht, dass eine echte Veränderung nur dann erreicht werden kann, wenn man sein Schicksal selbst in die eigene Hand nimmt.

DK: Kommst du gern nach Berlin? Fühlst du dich der Stadt verbunden?


PP: Berlin ist eine der Städte in Europa, die ich am liebsten mag. Mir gefallen ihre Proportion, jeder spricht Englisch und man kann sehr unterschiedliche Küchen ausprobieren, ohne dass man Stress hätte. Man macht seine Arbeit und achtet den anderen (im Winter könnte es jedoch schneien statt des kalten Regens). Ich komme relativ häufig nach Berlin, vor allem aus beruflichen Gründen.

Aus dem Ungarischen übersetzt von Orsolya Széher.

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Three tulips and a cake in the bathroom
(2009). Aus der Reihe Handbook to the Stars.

Die Fotos der Ausstellungseröffnung von Unsafe to Dance können Sie sich hier anschauen.

 

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