Regisseur von Weltrang, Autorenfilmer, Bildgeber großer Geschichtstopografien wie intensiver Seelenlandschaften: István Szabó (*1938) hat als wohl berühmtester Regisseur Ungarns mit seinen an die 40 Filmen, darunter APA (Vater, 1966), MEPHISTO (1981), ÉDES EMMA, DRÁGA BÖBE (Liebe Emma, süße Böbe, 1992) und seiner jüngsten Arbeit THE DOOR (2012) die Kinematografie seines Landes wie auch das europäische bzw. internationale Kino geprägt – in erster Linie als singuläre künstlerische Stimme, aber immer wieder auch als genauer Beobachter und Kommentator filmkultureller, -ästhetischer und -politischer Entwicklungen, und nicht zuletzt als Lehrender. Seinen Filmen eignet ein so präziser wie sensibler Blick auf die Protagonist*innen in politischen und gesellschaftlichen Momenten des Umbruchs. Sie sind kritische, einfühlsame Auslotungen von Auswirkungen historischer Zäsuren der europäischen Geschichte der letzten 100 Jahre auf den einzelnen Menschen. Dabei weisen Szabós Filme immer auch über den punktuellen Moment hinaus und spiegeln die menschlichen, moralischen, persönlichen Kristallisationspunkte – Spannungsfelder zwischen Macht und Widerstand, Identität und Anpassung, Kunst und Politik – in die Gegenwart. Als Auftakt einer Reihe von internationalen Programmen und Retrospektiven um den bevorstehenden Geburtstag Szabós zeigt das Arsenal sechs Filme seines nuancenreichen Œuvres zwischen konzentriertem Kammerspiel und aufwendiger Großproduktion mit Starbesetzung. 

 
Wir freuen uns sehr, István Szabó am 2. und 3. Februar und die Schauspielerin Johanna ter Steege am 2. Februar im Kino Arsenal begrüßen zu dürfen.
 
Programm
 
Die Filmvorführungen finden im Kino Arsenal, Potsdamer Straße 2, 10785 Berlin, statt.
 
 
02. Februar 19.30
 
Süße Emma, liebe Böbe (ÉDES EMMA, DRÁGA BÖBE – VÁZLATOK, AKTOK. Ungarn 1991, OmU 81‘)
 
zu Gast: István Szabó, Johanna ter Steege
 
Budapest, Anfang der 90er Jahre, kurz nach der politischen Wende. An der Schule, an der Emma (Johanna ter Steege) viele Jahre Russisch unterrichtet hat, brennen jetzt genau diese Lehrbücher. Von Schüler*innen und Lehrerkolleg*innen beargwöhnt, beginnen Emma und ihre Freundin Böbe (Enikö Börcsök), sich zu Englischlehrerinnen ausbilden zu lassen – ein mühsames Unterfangen. Emma kämpft und sucht Halt, auch emotionalen, den ihr indes die Beziehung zum wankelmütigen, opportunistischen und vor allem verheirateten Schulleiter in keiner Weise bietet. Als Böbe unter fadenscheinigen Gründen verhaftet wird, gerät auch Emmas Leben aus dem Lot. „Skizzen, Aktzeichnungen“ lautet der Untertitel des Films – Szabó skizziert so irritierende wie erschütternde Vignetten eines materiellen, sozialen und moralischen Überlebenskampfes.
 
03. Februar 19.30
 
Taking Sides – Der Fall Furtwängler (TAKING SIDES, D/F 2001, OmU 110‘)
 
zu Gast: István Szabó
 
Partei ergreifen, sich auf eine Seite schlagen: die Notwendigkeit sowie die Schwierigkeit, die Fallhöhe wie die Fallstricke des titelgebenden Stellungbeziehens durchwirken Szabós Großproduktion. Kurz nach Kriegsende trifft US-Major Arnold (Harvey Keitel) im völlig zerstörten Berlin (Bauten: Ken Adam) mit dem Auftrag ein, gegen Wilhelm Furtwängler (Stellan Skarsgård) zu ermitteln, den ehemaligen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker und Vorzeigekünstler der Nazis. In einer unerbittlich-intensiven Verhör-Szene treffen die beiden aufeinander: Arnold sieht in Furtwänglers Arrangement mit den NS-Machthabern den untrüglichen Beweis für dessen Kollaboration, Furtwängler leitet aus seiner Position als Künstler das Recht ab, sich nicht mit Politik beschäftigen zu müssen.
 
04. Februar, 19.30 
 
MEPHISTO (Ungarn/BRD 1981, 144‘)
 
Basierend auf Klaus Manns gleichnamigem Roman, dessen Titelfigur Gustaf Gründgens entlehnt ist, zeigt Szabó die Korrumpierbarkeit der Kunst und der Künstler im Nationalsozialismus. Mit der Machtergreifung der Nazis wird aus dem ehrgeizigen Schauspieler Hendrik Höfgen mit vormals linker Einstellung (Klaus Maria Brandauer) ein von den Nazis allzu schnell verführter Opportunist. Der Aussicht auf den Intendantenposten am Preußischen Nationaltheater opfert Höfgen Überzeugungen, Freunde und Gefühle und realisiert erst in einer gespenstischen Abschlussszene im Berliner Olympiastadion sein persönliches Versagen. MEPHISTO wurde 1982 mit dem Oscar als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet.
 
05. Februar 20:00 & 08. Februar 19:00
 
Father (APA, Ungarn 1967, OmE 98‘)
 
Takó (András Bálint) hat seinen Vater, einen Arzt, bei Kriegsende verloren und wächst als Halbwaise auf. Das Fehlen des Vaters kompensiert er, indem er ihn für sich und seine Umgebung zum makellosen Helden stilisiert: der berühmte Arzt, der heldenhafte Partisan, der strahlende Kämpfer. Erst als Student und durch die Freundschaft zu einer jüdischen Kommilitonin gelingt es ihm, sich dem tatsächlichen Leben seines Vaters zu nähern und die Wahrheit zu akzeptieren. Realhandlung und Traumbilder ineinander verschränkend entwirft Szabó eine psychologische Studie über die Deformationen in der Diktatur, zeigt aber ebenso das kritische Geschichts- wie Selbstverständnis eines Vertreters der jungen Generation in Ungarn.
 
06. Februar, 20:00 & 08.Februar 21:00
 
Confidence (BIZALOM, Ungarn 1980, OmE 108‘)
 
Als kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs Katalins Mann als Widerstandskämpfer untertaucht, muss auch Katalin Vorsichtsmaßnahmen ergreifen und eine neue Identität als Ehefrau eines anderen, wildfremden Mannes annehmen. Grundlage der Ad-hoc-Beziehung des vermeintlichen Ehepaars sind Härte, Misstrauen und Angst – Gefühle, die zudem (im wahrsten Sinne des Wortes) keinen anderen Raum haben dürfen als das kleine Zimmer, welches ihnen im Haus eines älteren Ehepaars zur Verfügung steht. Hier entfaltet sich ein intensives Kammerspiel zwischen zwei einsamen, verlorenen Menschen, deren verleugnete Vergangenheit und wenig belastbare Gegenwart Verständnis, Loyalität, Liebe und als gemeinsames Fundament Vertrauen unmöglich zu machen scheinen.
 
07. Februar 20:00
 
Hinter der Tür (THE DOOR, Ungarn 2012, engl. OF 98‘)
 
Ungarn, 60er Jahre: Die so eigensinnige wie rätselhafte Emerenc (Helen Mirren) kümmert sich um den Haushalt der Schriftstellerin Magda (Martina Gedeck), der nach Jahren der Zensur endlich Erfolg zuteil wird. Zwischen den beiden grundverschiedenen Frauen entwickelt sich langsam und entlang eines unbegreiflichen Wechsels von Fürsorge und Zurückweisung eine vorsichtige Nähe, die indes eine unüberwindbare Grenze kennt: die Tür zu Emerenc’ kleinem Haus, die absolut niemand übertreten darf. Als Emerenc ihr Haus verlassen muss, sieht sich Magda mit einer schwierigen Frage konfrontiert. Ein eindringliches Kammerspiel um zwei starke Frauenfiguren unterschiedlicher Generationen und gesellschaftlicher Zugehörigkeit und ihr Ringen in einer komplexen Beziehung zwischen Nähe und Distanz.
 
Eine Veranstaltung des Arsenal - Institut für Film und Videokunst e.V. in Zusammenarbeit mit dem Collegium Hungaricum Berlin und der European Film Academy e.V..
 
Tickets sind über die Homepage des Kino Arsenal erhältlich.